GUDRUN KÜHNE


Laudatio zu 'licht spielt schatten'

Ulrich Kavka

Laudatio zur Ausstellungseröffnung
Gudrun Kühne – licht spielt schatten – Skulptur und Zeichnung
am 17. April 2014, 19.00 Uhr
Ausstellung in der Stadtpfarrkirche Müncheberg


Liebe Gudrun Kühne, sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren,

„licht spielt schatten“ – Ja, mit gesammelter innerer Leichtigkeit sollte man den eigentlich monochromen Skulpturen und schwarz-weißen oder farbigen Handzeichnungen begegnen. Denn ganz augenscheinlich meint die lyrisch anmutende, kurzweilige Titelzeile alle Spielarten atmosphärisch und seelisch aufgeheiterter Wachheit. Leichtigkeit trifft auf Leichtigkeit? Unbedingt, wenn niemand das Gesehene, die anschaulich solitären Flächendehnungen und Raumvolumen also, mit flüchtiger Ablenkung verwechselt. Überdies bekunden die Kunstwerke von Gudrun Kühne sowieso Wesenseigenschaften, welche sich eher selten kurzschlüssig im Gegenüber von realer Erscheinung und deren freier, kontrapunktischer Auslegung zeigen. In der Verwandlung dessen, was man eigentlich nicht fassen kann, folgenreich als Aura des Künstlerischen schließlich.
Ihr lebendiges Werk ist emotional gebildet – gestaltet, gemalt, gezeichnet, gebaut, geformt – echt und einmalig, eben aus ihrem offenen, vorurteilslosen, aufgeschlossenen, freigiebigen Temperament heraus. Mit Willen, Können, Glauben und – nahe beim Schicksal – bleibt sie dieselbe. Sichtbar im Duktus, in der Textur, in der Glätte, in der Schroffheit. Undenkbar jedoch im Ganzen, ohne den mühseligen Weg zwischen Scheitern und glücklichem zu Stande kommen. Man spürt die Ernsthaftigkeit, aber man sieht sie nicht. Es bleibt ihre künstlerisch nachempfindende Erwiderung auf die Umgebung – einer bildnerischen Gesetzlichkeit folgend, in der „das Detail das kleine Maß für das Große ist“, wie es Wilhelm Lehmbruck bezeichnet hat. Zuerst kommt, als innerer Zusammenhalt, der Bau! – Und dann, wenn überhaupt, das Protokoll seiner Interpretation.
Aber zweifelsfrei, ohne jegliche Körperlichkeit wäre alles form- und konturlos, lebensfremd letztlich: zerstreut im gleißenden Hell, in dämmerig verschleierter Düsterheit, in tiefster Finsternis.
Doch die sakrale gotische Behausung in Müncheberg ist nicht das närrische, fensterlose Rathaus von Schilda, sodass der stilistische Kanon der Kunstwerke und deren Botschaften eben in fortwährend veränderlicher Lichtflutung gesehen und durchaus sinnenfroh, auch Sinn stiftend begriffen werden können. Mal allmählich, stimuliert von den unterschiedlichsten Erfahrungen her, mal abrupt und in völliger Überraschung. Einer Antwort gleich bedeutet solches Betrachten nicht mehr aber auch nicht weniger, als mit tatsächlich unvoreingenommener Entspannung und kritischer Neugier die eigene Anwesenheit mit energischen Vorstellungskräften so zu erproben, zu bestärken, zu verschönern, als müsse man sich auch gegen eine latente Seelenblindheit wehren.
Der Titel einer Sandsteinskulptur von Gudrun Kühne lautet: „Versunken – work in progress“ und bezieht sich auf den Schaffensvorgang. Aus dem scheinbar formlosen Nichts des zufällig gebrochenen steinernen Blocks entwächst, besser, entschält sich eine kauernde weibliche Figur. Ein Stück Fels, nun als gewichtiges, kerngehäusiges Signum eines Gestalt gewordenen Traums? Aber da mag sich jeder das Seine denken.
Bildhauerei, das besagt das Wort, gewinnt an Handlung durch Schlagen, genauer, durch Abschlagen. Dessen empfindsame Steuerung und kraftraubende Intensität pendelt zwischen Nachdenken und Anschauen, Anschauen und Nachdenken – und Zweifeln …. Nicht pausenlos, aber beharrlich – von der Selbstbezwingung, der schöpferischen Überwindung zufälliger Klippen bis zur Vollendung: als Fragment, als Torso, als Relief, als Figur, als Porträt, ….
In der Offenbarung des Sehers Johannes heißt es: „Und es war wie ein gläsernes Meer, mit Feuerschein untermengt.“ (Luther-Bibel 15,2 – 42)
Das Schaffen der Zeichnerin, Graphikerin, Malerin und Bildhauerin – abtragend und aufbauend – ist in solchem kristallenen Ursprung geologisch wie geistig heimisch, denn die beseelten Arbeiten spiegeln auf ihre Art die Sonne, die Liebe, den göttlichen Glanz.
Eine Figur verkörpert „Artemis“, in der antiken griechischen Mythologie die Herrin der Tiere, des Waldes, der Kinder, … Und in deren Umgebung findet sich auch eine ihrer Gefährtinnen: „Aura“, was mit „Lufthauch“ oder überliefert, mit „Morgenbriese“ gedeutet werden kann. „Aura“, eine tragisch Unvollendete. Aber das ist ein anderes Thema.
Die bronzenen Figuren „Der Blick“, „Schulterblick“ „Balance“ oder „Sternenguckerin“ sind allesamt gestisch komponierte Ganzfiguren. Im Oeuvre stehen diese im auffälligen Spannungsbogen zum subtraktiven Verfahren der Skulptur, was man, auch nach dem Augenmaß des großen Michelangelo, als künstlerisch vollendetes „Nonfinito“ bezeichnen kann.

„Mein Körper – so träumte mir – sank an mir herab, und meine innere Gestalt trat licht hervor; neben mir stand eine ähnliche, die aber, statt zu schimmern, unaufhörlich blitzte. „Zwei Gedanken“, sagte die Gestalt, „sind meine Flügel, der Gedanke Hier, der Gedanke Dort, und ich bin dort. Denke und fliege mit mir, damit ich Dir das All zeige und verhülle!“
(Jean Paul: „Traum über das All“ aus „Der Komet oder Nikolaus Markgraf“, Eine komische Geschichte)

Werden und Dasein der Kunstwerke von Gudrun Kühne geschehen zwischen Unmittelbarkeit und Abstand, zwischen Nähe und Ferne, zwischen Vertrautheit und Fremde, zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit. Nichtsehen und Nichterkennen was über allem Sehen und Erkennen ist? Manchmal ist Licht, der Überhelle wegen, nicht mehr sichtbar. Von der Offenbarung des Johannes vom „Gläsernen Meer“ war schon die Rede – von der unikaten, kosmischen Materie, die zuvor eine andere, allenfalls eine zerstreute war?

Vielleicht muss man nach Lissabon reisen, um die Bilder und Bildwerke von Gudrun Kühne im Kontext zum überraschend einzigartigen Raumgefüge der Stadtpfarrkirche Müncheberg an der Grenze der märkischen Schweiz hin zum Oderbruch als etwas Unvergleichliches zu empfinden.
Über die seit alters her versonnen andächtige, immer und immer wieder bildschöne, rege lusitanische Metropole am Tejo, am sogenannten Strohmeer unweit der atlantischen Entdeckerweiten des Mittelalters, am südwestlichsten Rand Europas, schreibt nämlich der Dichter Thomas Bernhard, diese sei wie „Architekturnatur“. (vgl. Roman „Die Auslöschung) Gewiss, aus solcher lebhaft perspektivischen Vorstellung lernt man das Sehen und das bildhaft räumliche Denken.
Vielleicht braucht es bisweilen diesen fremden Blick, den von außen und den von Herzen, den der Welt freimütig zugewandten, um die Dinge, gleichsam vor der eigenen Haustür, als ein Glück, meinethalben als eine göttliche Bejahung buchstäblich zu durchschauen. Denn ein dergestaltiges Sehen muss auch die kulturellen Vorfahren zum Nachsinnen und zum Handeln bewogen haben. Wie sonst käme es zu der immer noch gegenwärtigen Idee an ein „Schiff im Schiff“ zu glauben und ein solches durch Tatkraft zu planen, zu verwirklichen und schließlich ihm ein heutiges, alltägliches Leben zu schenken, gleichsam als Wiedererweckung der Weltkriegsruine und in wundersamer Erinnerung an die gotische Vorzeit, an die kontemplative Innerlichkeit, an die Hochschätzung der Handarbeit, ebenso die der Künste demnach. „Wir wollen in einer Liebe, unter einer Regel und nach einheitlichen Bräuchen leben.“ Das verkündeten die Gründer, die Zisterzienser seinerzeit.
Auch für die Werke der Malerin, der Zeichnerin, der Bildhauerin Gudrun Kühne – der Name ist ein Zeichen – ist dieser Ort eine kühne Herausforderung, eine Herberge auf Zeit. Und wer in ihren Zeichnungen, Aquarellen, …, Plastiken und Skulpturen einen inhaltlichen, motivischen und topographischen Urquell bemerkt, der nie im Leben so liebenswürdig nur hierzulande hätte entstehen können, der kann sich getrost auch an das kirchliche Asylrecht erinnern – angesichts aktueller „nordisch-arroganter“ Erhebungen über das Leben im Süden Europas zum Beispiel.
Indessen: Man spricht vom Licht des Südens: Die Malerin überträgt es in Farbe. Man spricht vom der mediterranen Kunst und Kultur: Der Künstlerin sind sie ein Vorbild. Man spricht von südlicher Lebensart: Dem Menschen Gudrun Kühne ist diese schätzenswert.
Unter dem Stichwort „Biografisches“ veröffentlicht sie, unter anderem, nahezu eine südländische Litanei: Arbeitsaufenthalte in Italien, Griechenland, der Türkei, Spanien und Portugal, …
Bei allem künstlerischen Eigensinn ist es kaum vorstellbar, solche markanten Ortswechsel – im Kontext zur Berliner Mitte – übten nur einen marginalen Einfluss auf die Formsprache aus. Dass dieser Anteil wortwörtlich beachtlich ist, davon kann sich jeder in der Müncheberger Ausstellung ein eigenes Bild machen.

Ulrich Kavka, Lissabon, im April 2014


Kontakt/Mail: ulrich.kavka(at)freenet.de