GUDRUN KÜHNE


Gudrun Kühne / Terra / Arbeiten auf Papier

Kathleen Krenzlin

Gudrun Kühne gehört zu jenen Mitmenschen, die man schnell in sein Herz schließt. Solidarisch und frei von Vorurteil, anteilnehmend und offen, freundlich und kritisch zugleich betrachtet und erlebt sie Welt und Mensch. Überspannter Ehrgeiz scheint ihr fremd, Abgründe und Unsicherheit schon eher vertraut, Beständigkeit ganz gewiss. Wollte man sie und ihre Art zu leben und zu wirken mit einem Wort greifen, wäre Erdverbundenheit wohl dasjenige, welches Raum für die treffendsten Assoziationen ließe. Im selben Atemzug leitet uns der Titel des vorliegenden Kataloges auf ihr Wesen und auf eines der wesentlichen Momente ihrer künstlerischen Existenz.

Terra - die Erde - ist für Gudrun Kühne in unzertrennlicher Verbundenheit Leben, Lebensort, Landschaft und nicht zuletzt greifbare künstlerische Substanz. Die Erde in so gesehener Komplexität wieder und wieder zu erfahren, ist einer ihrer wesentlichen künstlerischen Impulse. Da liegt Reisen nahe, aber auch Rückkehr in die Berliner Straße am Walde, in der sie lebt. Die Reize grauer Kiefernlandschaft vor der Haustür und die Verführung durch das Grün der Zypressen unterwegs sind die lebenskräftigen Bedingungen ihres Daseins. Das Erstaunen über den Eindruck fehlenden grundsätzlichen inneren Zwiespalts streift beim Schreiben unschlüssig die Grenze zum Neid - auch so lässt sich verweilen.

Seit 1989 reist Gudrun Kühne bevorzugt in südliche Regionen, in denen sie all jene kulturellen Reichtümer, Menschen und deren unbefangene Lebensart, all jene warmen, hellen Landschaften und Vegetationen, das immer wieder beschriebene ganz besondere Licht, jene aus den Büchern der Kindheit vertrauten Erinnerungen antrifft. Die Nachhaltigkeit einer ostdeutschen Biographie machte dieses Erleben unerwartet im Wortsinn und bis zum heutigen Tag wertvoll für sie. In der Natur, vor Ort entstehen Skizzen ebenso wie für gültig befundene Blätter, die gemeinsam im heimatlichen Atelier die Grundlage für die weitere Arbeit bilden. Was sie mitbringt von ihren Fahrten sind vielleicht am ehesten Reisetagebücher, deren Entstehung sorgfältig geplant, vorbereitet und weitergetrieben wird. Die Auswahl des Papiers im Vorfeld, seiner Farben und Strukturen, welche in unbekannter Umgebung in Vorfreude erwartete, jähe Überraschungen bieten werden, der bewusst und aufwendig betriebene Einsatz der vorgefundenen Erden als Malmittel, das fast im Gegensatz dazu stehende spontane Ergeben an den Eindruck des Augenblickes, den sie genau so fassen will, sind die Eigenarten ihrer Blätter. So entstehen Papiere, deren Schwere durch die verwendeten Naturpigmente und eingefärbten Malgründe jene charakteristische Erdigkeit aufweisen, aber auch sich Zeitmaß und Lauf der Natur unterwerfende Aquarelle, die im Minutentakt dem Wandel des Lichtes bei Sonnenaufgang nachspüren. Federzeichnungen berichten von weiten Blicken über das Land, geschichtsträchtigen Steinen und Stätten wird die empfindliche und doch substantielle Kohle gerecht.

Der Ort - so konkret er jeweils ist - wiedererkennbar im Sinne topographischer Bestimmtheit ist er dabei kaum. Er ist vielmehr der Anlass für Gudrun Kühnes Schaffen und unterliegt der Vorstellung ihres verwandelnden Blickes und ihres Gefühls. Deshalb kommt es bei ihr auch nicht darauf an, wie ein Jäger und Sammler um jeden Preis immer wieder neue Winkel zu entdecken. Die Freude über Vertrautes und Bekanntes, dem sie in jeweils anderer Gestimmtheit gegenüber tritt, tut dem Erleben keinen Abbruch, vermag es im Gegenteil auch zu steigern. Sie konzentriert sich sowieso auf das im Augenblick wichtige Detail: die Glasblume in der Kargheit anatolischer Berge, der sie den Namen gab, den Ehrfurcht erweckenden Olivenhain, die schwüle toskanische Nacht, die Wucht des Gelbes oder Rot, der Erregung über den in Vorzeit kanalisierten Fluss, der sich seinen ursprünglichen Lauf zurückeroberte und die antike Ruine umspült.

"Wenn Gudrun in der Landschaft steht, gehört ihr die Landschaft und sie ihr" schrieb die Malerfreundin Dorit Bearach.
"Es gibt 'Kopfmaler' und es gibt 'Bauchmaler'. Ich zähle mich im wesentlichen zu den 'Bauchmalern'." sagt Gudrun Kühne von sich selbst.

Kathleen Krenzlin
April 2004

Link: Kathleen Krenzlin ist Leiterin der Galerie Parterre